Dienstag, 16. Oktober 2012

Gemüse


So, hier nun also eine meiner Kurzgeschichten. Deren Rohfassung schrieb ich beim letztjährigen Write-In zum National Novel Writing Month während eines WordWars. Und der Titel kam daher zustande, weil meine Gegnerin auf meine Bitte um ein Wort hin, an dem ich mich während des Schreibens thematisch orientieren konnte, dieses vorschlug.

Den WordWar hat sie übrigens locker gewonnen, doch mir blieb diese Geschichte. Also Danke fürs herausfordern, Rinchen!

Und nun viel Spaß damit und eventuell noch einen guten Appetit, falls ihr den nach dem Lesen der Geschichte überhaupt noch haben solltet ...

Gemüse


Die Hitze in der Küche war für Fernand Pont unerträglich geworden. Er wollte noch all sein Können einsetzen und jegliche Erfahrung in die Waagschale werfen, über die er verfügte, um zu retten, was noch zu retten war. Aber die Mühe war vergebens. Es war ruiniert ...

* * *

Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Fernand war schon früh aus den Federn gekommen und hatte sich nach einer Katzenwäsche zum Frühstück mit den anderen Beiköchen im Restaurant L'Auberge du Point de Colonades getroffen. Heute gab es einmal mehr den wenig leckeren, aber dafür umso sättigenden Haferbrei. Diesen bekamen die Jungen von ihrem Chef, dem Sternekoch Paul Bisquit, immer dann vorgesetzt, wenn es mal wieder darum ging, einen ganz besonderen Gast zu bekochen.
Natürlich hatte er ihnen auch heute wieder nicht verraten, um wen es sich dabei handelte, aber hochstehend würde diese mysteriöse Person schon sein. An seiner Laune erkannte man immer, ob sie hoch oder gar höher angesehen war.
Wie jedes Mal mussten seine Köche, Hilfsköche und Küchenjungen die Stationen tauschen, damit sie in Übung blieben und mit überraschenden Situationen umgehen konnten: Nonte bekam heute die Vorspeisen, Remy den Fisch, Toshiko die Beilagen, Marvé wie häufig die Fleischspeisen, Tomasz das Dessert und ausgerechnet er, Fernand, das Gemüse.
Und das, obwohl der Maître nur zu genau wusste, dass Fernand mit dem grünen Hasenfutter nicht das Geringste anfangen konnte. Dennoch machte er sich daran, die Kochbücher seines Meisters zu wälzen, um sich die raffiniertesten Beilagen aus der Sparte der eben erst geernteten Pflanzen auszusuchen.
Schnell wurde er fündig und machte sich auf den Weg zum Markt, dem er schon lange keinen Besuch mehr abgestattet hatte. „Hoffentlich ist Alfredo da!“, schoss es ihm durch den Kopf. Der alte Italiener war in Sachen Gemüse der beste Händler vor Ort und ein Freund des, allerdings Grünzeug verachtenden, jungen Kochlehrlings. Die Ratschläge seines erfahrenen Mentors konnten ihm vielleicht helfen, mit der ihm gestellten Aufgabe umzugehen.
Nach wenigen Minuten und einer fast kompletten Durchquerung der belebten Markthalle umarmten sich beide lang und herzlich. Alfredo klopfte seinem Lieblingsjungen aus Maître Pauls Küche auf die Schulter und lächelte dabei.
Na, was kann ich denn für dich tun, du Tunichtgut?“, fragte er ihn augenzwinkernd.
Ich soll heute nämlich eine Speise aus Gemüse zubereiten, aber da ich mich kaum auf diese Sachen verstehe, würden mir ein paar Tipps von Ihnen sehr helfen.“
Signore Alfredo beriet sich mit dem jungen Fernand und gab ihm dann einen Korb mit diversen Gemüsen, unter denen auch Salbei und Fenchel waren. Aber der wohl wichtigste Rat, den der erfahrene Händler seinem jungen Freund mit ins Rüstzeug packte, lautete: „Achte vor allem auf die richtige Garzeit der unterschiedlichen Gemüsesorten, Junge!“ Dann verabschiedeten sich beide und der Mentor wünschte seinem Protégé viel Glück bei dessen Anteil am bevorstehenden Menü.
Eilig kehrte Fernand zur Küche zurück. Er huschte direkt zu seinem Tisch und wusch das Gemüse, bevor er es zu zerkleinern begann. Eine Sorte nach der anderen fand geschnitten ihren Weg entweder in die gusseiserne Pfanne oder den tönernen Schmortopf. Der junge Lehrling füllte noch rasch die letzten angebratenen Stücke in das terrakotta-farbene Gefäß, dann schob er es in den vorgeheizten Backofen. Schließlich setzte er sich einen Moment in die Ecke zwischen Kühlschrank und Mikrowelle, um sich ein klein wenig auszuruhen.

* * *

Im Dämmer hörte Fernand Geschrei um sich herum und schlug die Augen auf. Verschwommen nahm er laute Stimmen war, die, völlig diszipliniert, einzelne Teile des heutigen Dîners aufriefen und die passenden Antworten darauf folgten in minimalem Abstand dazu. In der Küche war endlich die Hektik ausgebrochen, welche ihm ankündigte, dass das Finale des Menüs bevorstand. Immer noch einen dunstigen Schleier vor Augen ging er langsam zum Ofen hinüber. Dabei rieb er diese mehrfach, um den feinen Dampf loszuwerden, aber es tat sich nichts. Er tastete nach einem Handtuch, um gefahrlos die heiße Ofenklappe zu öffnen. Eine Mischung aus Dunst und beißendem Rauch schlug ihm entgegen. Der Lehrling wollte sich noch schnell zur Seite wegdrehen, als er von einer starken Hand nach hinten gerissen wurde.
Fernand ...“, hörte er die Stimme des Maître in einem entsetzten Tonfall hinter sich rufen. „Was treibst du denn da?“
Der Junge stammelte hilflos: „Ich bereite die Gemüse zu und wollte sie gerade aus dem Ofen nehmen, Chef de Cuisine.“
Er sah wie Paul Bisquit beherzt mit einem Lappen, der mehr Löcher als ein Schweizer Emmentaler hatte, in die Öffnung griff und den schwelenden Schmortopf, der keinen Deckel mehr zu haben schien, herausnahm. Er sah kurz hinein und hielt ihn dann dem verdutzt dreinschauenden Jungen vorwurfsvoll hin.
Im Innern lag der Deckel, der in etliche Stücke zerbrochen war und dazwischen konnte man das Grande Malheur des heutigen Abends sehen. Eine schwarze Kruste, die an mehreren Stellen aufgerissen war, durch die ein zäher, grün-weißer Schleim hindurchschimmerte. Und als wenn das nicht schon genügte, war da ja auch noch der passende Gestank dazu.

Natürlich rettete Maître Bisquit das Mahl noch in allerletzter Sekunde dadurch, dass er punktgenau ein passendes Gemüsegericht zum Menü zauberte. Fernands stinkendes Zeug flog unverspeist und mitsamt dem kaputten Tontopf durch das Küchenfenster in den Hinterhof, wo es langsam vor sich hinverrottete. Der ungeschickte Lehrling durfte sich fortan zum Wohle aller den anderen Stationen widmen – mit Gemüse hatte er danach höchst selten noch etwas zu tun.


©Bernar LeSton in Frankfurt/Main, den 01. November 2011

Kommentare:

  1. Hahahaha! Das arme Gemüse! *lach*

    Zugegeben, ungefähr so würde es auch aussehen, wenn ich mich an der Kochkunst versuchen würde. Man man man, hast du mich da beschrieben? ;-) Mal abgesehen davon, dass wir uns zu dem Zeitpunkt noch gar nicht kannten ... du Hellseher, du!

    Also ich finds toll geschrieben - und dank dem Ende des Wordwars hast du auch direkt ein offenes Ende lassen können. Sehr praktisch, so kann sich jeder selber fragen, was der arme Fernand wohl zur Strafe machen durfte.

    AntwortenLöschen
  2. Servus, June.

    Vielen Dank für die Blumen, aber ...

    ... mussten es denn unbedingt Tulpen sein? Diesen Hinweis konntest du dir wohl nicht verkneifen, was? Wieso fragst du? Na, weil man die in den Niederlanden ja auch isst. Sehr spitzfindig!

    * schmunzel *

    Nichtsdestotrotz finde es prima, dass sie dir gefiel und dich (wenn auch aus anderen Gründen) zum Lachen brachte. Dann habe ich ja mein Ziel erreicht und dich gut unterhalten.

    Viele liebe Grüße

    Bernar


    PS.: Danke auch, das du offen meinen wahren Beruf sagen musstest. * zwinker *

    AntwortenLöschen