Donnerstag, 6. Dezember 2012

Ereignis in den Bergen

In einer Berghütte sitzend, kauerte ich mich, vom Tosen eines Sturmes verängstigt, zusammen. Der Wind des Unwetters zerrte und riss an der Türe sowie den Läden, so dass mir wirklich bange war. Der Regen stürzte in Schauern vom Himmel und prasselte pausenlos auf das uralte Schindeldach herab. Und ich dachte in Panik, was denn geschehen möge, falls Wind, Sturm und Regen in einem infernalischen Crescendo mit urwüchsiger Kraft die Hütte mit mir darinnen zum Einsturz brächten. Begraben wäre ich ganz sicherlich für alle Zeiten - tot und zermalmt, die Knochen zerbrochen und der Körper zerschlagen. Woge über Woge, eine schlimmer als die andere, kam über die Hütte und immer wieder dachte ich voller Furcht nun sei es soweit und mein Ende gekommen. Aber jedes mal schienen die Naturgewalten noch einen draufsetzen zu müssen. So kam mir in all meiner Plage mehrfach der Verdacht, dass dem Sturme ein gewisses Sinnen oder bewusstes Handeln oblag. Wie wenn in dem Wüten, dem Wilden und Heftigen, ein gewisser Sadismus zu stecken schien.


Natürlich könnten Sie durchaus anmerken, dass dies nur meiner Einbildungskraft entsprungen sein könne, aber es gibt da etwas, das damit nicht unwesentlich zu tun und sich etwa vier Wochen vorher zugetragen hatte.


Zu dieser Zeit weilte ich gerade in Rom, bevor mich meine Reise über die Schweizer Alpen nach Deutschland zurückführen sollte. Nach dem Speisen am frühen Abend schlenderte ich durch das innerstädtische Forum und kam an einem kleinen Laden vorbei. Dieser wäre mir an jedem anderen Tag mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entgangen, aber nicht im April des Jahres 1819.
Als meine behänden Schritte mich geradewegs an dessen Tür vorbeiführten, trat unvermittelt eine betagte und gebeugte Frau daraus hervor, die altes Blumenwasser aus einer Vase auf die Straße hinausschüttete. Ich blieb abrupt stehen und hielt inne. Nach der Verrichtung ihres Tuns wandte sie sich um und wollte wieder in ihr kleines Etablissement zurückgehen. Doch unsere Blicke trafen sich und wir wurden beide im gleichen Augenblick von einem seltsamen Schaudern erfasst, so als wäre dieser Moment vom Schicksal vorherbestimmt worden.
Ich weiß es heute zwar nicht mehr so genau, aber irgendwie kamen wir ins Gespräch und sie bat mich in ihr kleines Geschäft. Dort nannte sie mir unvermittelt meinen vollständigen Namen und zu meinem Erstaunen noch allerlei Dinge aus meinem bisherigen Leben, welche sie nicht wissen oder in Erfahrung gebracht haben konnte.

Anhand der Unmengen an seltsamen und durchaus auch skurrilen Gegenständen, welche sich in dem geschmackvoll eingerichteten Räumchen häuften und ihren unstrittig vorhandenen seherischen Fähigkeiten war ich geneigt ihr - trotz meiner üblichen Zweifel - zu glauben. Vorerst …
Doch dann verfinsterte sich ihre Miene zusehends und sie erklärte mir mit ernstem Blick, dass sie momentan etwas in der Klemme stecke und mir gegen eine großzügigere Spende etwas mitteilen wolle, was mir in Bälde sicherlich äußerst nützlich sein würde. Dabei spielte sie auf meine bevorstehende Weiterreise an, ohne aber ins Detail gehen zu wollen.
Unweigerlich fing ich zu lachen an und viel lauter als ich es mir später gerade wegen meines guten Benehmens eingestehen konnte. Dieser dreiste und vor allem dazu noch äußerst plumpe Versuch mich um einen Teil meiner Reisekasse zu bringen, grenzte schon ans Unglaubliche.
Erbost ob meiner unausgesprochenen Ablehnung ihres großzügigen Angebotes begann sie mir schimpfend und zeternd nachzurufen, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft im Gebirge der Schweizer Alpen unvermittelt und völlig überraschend in einen schrecklichen Sturm geraten würde. Und mich dort in einer abbruchreifen Hütte hoch oben in den Bergen verstecken würde, sich dies aber als nutzlos erwiese. Im Augenblicke meiner größten Angst solle ich mich an ihre Worte erinnern, und falls ich nach einem dreifach aufeinander folgendem Blitz immer noch in der Kate verbliebe, würde diese mich, von Donner und Getöse begleitet, unter sich begraben.

Und dann saß ich Wochen später da, im Zentrum dieses fürchterlichen Unwetters und ließ einen ersten gewaltigen Blitz furchtlos über mich ergehen. Harrte etwas ängstlicher auf den Zweiten, der auch alsbald folgen sollte. Und noch bevor der Dritte niederging, hatte ich trotz aller Angst, welche mich fast zu paralysieren schien, einen beinahe schon tollkühnen Plan ersonnen. Ich musste hier raus, riss also die poröse Tür auf und sprang mit gewaltigen Sätzen, welche ich mir nur durch eine beginnende Todesangst erklären konnte, ins Freie und versuchte dabei soviel Abstand wie möglich zwischen mich und die vom Verfall bedrohte Kate zu bringen.
Und scheinbar keine Sekunde zu früh war mir dies gelungen, als sie, von einem weiteren gewaltigen erdwärts fahrenden Stromstoß getroffen, berstend und krachend in sich zusammenfiel.
Ich war gerettet. Und obwohl der Sturm, jetzt zwar nachlassend, aber immer noch wütend über mich weiter hernieder ging und mich der Regen rasch durchnässt hatte, tanzte und schrie ich außer mir vor Freude, da die bedrohliche Prophezeiung der alten Vettel aus Rom sich nicht bewahrheitet hatte. Schneller und schneller hüpfte und tanzte ich wie ein Derwisch um die Reste der lodernden Hütte herum, wie es die mittelalterlichen Hexen in der Walpurgisnacht seit Jahr und Tag vollführten. Wie im Rausch drehte und wirbelte ich umher, um dann, wie in einem großen Finale urplötzlich mit brennender Haut und dampfendem Atem, der aus meiner Kehle strömte, zu Boden zu sinken ...


Ich erwachte erst wieder, als Sie sich bereits über diesen ausgestreckt daliegenden und verkohlten Körper beugten und ich auf ihre Frage hin „Was dem armen Teufel wohl widerfahren sei?“, die sie ihrer Reaktion zufolge, wohl sich selbst und nicht mir gestellt hatten, wahrheitsgemäß und ohne darüber nachzudenken geantwortet habe. Doch Sie würdigten meine nebelhafte Erscheinung keines Blickes …


© Bernar LeSton im Muotathal (Schweiz), den 3. Juli 2010

Kommentare:

  1. Ah, der Blitzschlag. Ich erinnere mich. Gefällt mir immer noch gut!

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    1. Höllisch-heißen Dank ... * schmunzel *

      Bernar ;.)

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  2. Du hättest mir ja auch früher Bescheid geben können, dass du jetzt auch bloggst *schmoll*

    Mit dem Runterfahren zum Treffen hat leider noch nicht geklappt ... aber dann eben in 2013 *eifrig nick*

    Und Congratz! Herzlichen Glückwunsch zum Nano!

    Liebe Gruesse, auch an die anderen,
    Schottinchen

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    1. War eine blitzartige Entscheidung. Von daher nicht schmollen, bitte.

      (Geflüstert) Aber wir treffen uns ja auch immer mal über das Jahr hinweg. Wir würden uns alle freuen, Schottinchen. * eifrig nick *

      Danke für die Glückwünsche und die Grüße werden sehr gerne im Januar ausgerichtet,

      Bernar

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