Samstag, 4. Mai 2013

Eine alltägliche Tragödie


Als ich ihre Körper vor wenigen Stunden tot vorgefunden hatte, war ich in Panik davongelaufen. Mein ganzer Stamm vernichtet - alle tot. In den nahen Wald war ich geflohen und dort verbarg ich mich einige Zeit, bis sich nach und nach wieder das gewohnte Gefühl von Sicherheit einstellte, das mich zuvor in unserem Stamm umgeben hatte. Doch dann wagte ich es, wieder so etwas wie Hunger zu spüren. Und da es so nicht weitergehen konnte, musste ich meine Deckung verlassen. Also brach ich auf, diesmal jedoch zur Nahrungssuche...

Und nun lag sie so verlockend vor mir: Die kahle Ebene mit diesem Hügel, der ausladend in die Höhe gestreckt und von goldgelber bis rostroter Farbe war. Knusprig sah er aus. Ich leckte mir die Lippen und bewegte mich vorsichtig aus dem Wald, der in die Höhe ragenden Stämme, heraus. Vorsicht war angebracht, denn mein missliebiger Feind, der auch schon meinen Stamm auf dem Gewissen gehabt hatte, war sicher auch mir schon auf den Fersen. Ich würde die weisen Ratschläge meiner Ahnen jetzt mehr denn je befolgen. Also musste ich schnell handeln - rasch hin, bloß ein bisschen von dem Leckerbissen abreißen und sofort wieder zurück in meine schützende Deckung tauchen. Danach konnte ich mich, wenn ich wieder tiefer in den Wald vorgedrungen und in meiner momentanen Heimstatt angekommen wäre, immer noch daran gütlich tun.

Ich hetzte hinaus, musste nur noch zugreifen und fest genug daran ziehen. Aber natürlich ohne dabei von ihm bemerkt zu werden. Der Duft meiner Beute roch schon beim ersten beherzten Griff danach so gut, dass ich nur ein bisschen davon abgerissen hatte und es bloß noch zu meinem Mund führen musste. Zulange schon hatte ich nichts derart leckeres zwischen meinen Zähnen gehabt, dachte ich ...

KLATSCH!

Matsch!

"Dreckzeugs! Milbereth, das nächste Mal nehmen wir aber den Staubsauger mit dem Winzigsttierfilter!"


© Bernar LeSton in Rüsselsheim, den 16. April 2012

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