Donnerstag, 23. Mai 2013

Legende und Wahrnehmung


Nel und Tim kommen leise lachend die Treppe herunter und wollen sich wohl gerade heimlich aus dem Haus stehlen. Sie haben nur noch die nötigsten Dinge dabei, den Rest haben sie schon vor Stunden in ihren Ford Fiesta gepackt. „Na, ihr beiden? Seid ihr soweit?“, sage ich und dabei ist mir gar nicht wohl bei dem Gedanken das die beiden Teenager mit ihren gerade mal 16 und 18 Jahren schon auf ein Heavy Metal-Konzert dieser Größenordnung, das auch noch über mehrere Tage gehen soll, fahren wollen. Und dort auch noch zusammen mit vielen weiteren Freunden in Zelten im Freien zu übernachten, lässt bei mir als verantwortungsbewusstem Elternteil natürlich auch keine pure Freude aufkommen. „Ja Mom, mach’ dir mal keinen Kopf.“ sagt unser Junge und seine Freundin stimmt ihm kopfnickend zu. Und wie es da mit den sanitären Anlagen aussehen wird, möchte ich mir auch im Traum nicht vorstellen, denke ich so bei mir. „Ich wünsche euch, dass das Wetter so schön bleibt, und habt viel Spaß.“ Hoffentlich haben sie genug zu essen dabei, geht mir kurz durch den Kopf und betrinken sich nicht sinnlos. Was da alles passieren kann, aber schließlich sind sie noch jung und sie daran nicht teilnehmen lassen würde ihre Entwicklung zur Selbstständigkeit ja auch nicht gerade fördern. Das denke ich gerade noch und im selben Augenblick streichle ich unserem Jüngsten noch kurz über die Schulter, bevor er sie wegziehen kann, und lasse sie, ihnen zuwinkend im Türrahmen stehend, einfach davongehen. Und nun sagen sie mir, ob ich damit grundsätzlich falsch liege?

Nun war es soweit. Meine Tochter hatte uns zwar sicherlich gefragt, ob sie dürfe, aber nach einer Frage hatte es dabei nicht wirklich geklungen. Eher wie ein Nachfragen, um sich nicht später den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, nicht um Erlaubnis gefragt zu haben. Sid, ihr aktueller Freund, ein Punk, hatte sich auf ihrem Bett herumflözend natürlich nicht an dem daraus resultierenden Disput beteiligt. So was lehnte er stets ab. Seiner Meinung nach war alles diskutabel, aber nur Dinge, die von unserer Seite kamen. Ihre Ansichten waren immer wohldurchdacht und nachvollziehbar. Ich war mit ihrem geplanten Ausflug zu diesem Punk-Open Air überhaupt nicht einverstanden. Nicht nur, dass sie einfach aufs Geradewohl da hin wollten und ich nicht mal wusste, wer aus der näheren Umgebung auch noch mitfuhr, sondern uns waren im Vorfeld üble Sachen zu Ohren gekommen. Von Sex, Drogen und extremer Musik, die wir nicht nur wegen ihrer Lautstärke, sondern auch wegen ihrer Texte verabscheuten. Und auch der Ort des geplanten Konzerts mitsamt seinen Sicherheitsvorkehrungen war uns mehr als suspekt, aber man versuche das seinen vormals lieben Kleinen einmal klarzumachen, da half alles reden nichts. Aber was soll’s. Ich nickte es innerlich einfach ab und ließ sie fahren, wenn auch mit einem unguten Gefühl.

Wir waren zwar früh losgefahren, aber scheinbar nicht früh genug. Die Straßen waren total verstopft und wir näherten uns dem Gelände, auf dem alles steigen sollte, wenn überhaupt dann nur im Schritttempo. Natürlich waren wir nicht richtig vorbereitet, aber das war uns egal. Aus unserem und unzähligen anderen Autoradios, der anderen Ankommenden, dröhnte laute Musik und man hatte fast das Gefühl, das Konzert hätte schon angefangen. Wir hatten per Zufall davon gehört und uns wie viele andere aus unserer Nachbarschaft auch, einfach auf den Weg gemacht. Natürlich waren unsere Eltern damals nicht wirklich damit einverstanden, aber wir waren ja nicht die Einzigen, die sich einfach darüber hinwegsetzten. Vielleicht würden wir nach unserer Rückkehr bestraft werden, aber das war es uns wert. Und obschon wir wussten, dass wir nicht allein auf dem Weg waren, dachten wir zumindest nicht daran, dass sich dies, wie so vieles andere auch im Nachhinein als Trugschluss erweisen würde. Die Hälfte der Menschen, die dorthin strebten, wurden von der Polizei wieder weggeschickt und hatte das Nachsehen. Und dennoch drängelten sich Stunden später - und da spielten die ersten Bands schon – über eine halbe Million wildfremder Menschen vor der Bühne und versanken größtenteils unter Drogeneinfluss in der Musik. Allein dadurch muss "Soul Sacrifice" von Santana mit dem irre langen Drumsolo, des aus Schweden stammenden jungen Michael Shrieve, ewig angedauert haben. Das man im späteren Verlauf, also wieder zuhause angekommen, herausbekam, dass dort vieles falsch gelaufen war, stand auf einem anderen Blatt. Die Umstände drumherum waren allesamt unzureichend: Die Versorgung mit ausreichend Nahrungsmitteln war schneller als gedacht fast unmöglich geworden. Die sanitären Anlagen waren für diese Menschenmassen völlig unzureichend. Das Gelände durch die starken Regenfälle derart durchweicht und glich einem Truppenübungsplatz. Makaber das dies alles uns extrem viel abverlangte, aber durch den übermäßigen Drogenkonsum fast niemanden zu stören schien. Da ging es den GIs in Vietnam - die sich im Übrigen ja gar nicht so sehr von uns unterschieden - eigentlich nur in der Hinsicht schlechter, dass viele diesen „Trip ihres Lebens“ nicht überlebten. Uns wird immer die Musik, das Verständnis und die Toleranz untereinander während dieses drei Tage andauernden Happenings, das danach oftmals leichthin als Festival in der Nähe von Woodstock bezeichnet wurde, für seine Einzigartigkeit – obwohl es damals durchaus auch noch andere Festivals dieser Art, wie das Monterey International Pop Festival von 1967 oder das Isle of Wight Festival von 1968 - 70 gab - immer in unseren Herzen bleiben und uns nie mehr loslassen.

Ich hatte ein komisches Gefühl und dachte gerade, dass seine Mom nicht wirklich die Wahrheit gesagt hatte, als mir zum Glück noch meine Großeltern über den Weg liefen. Und während sie mich fragten „Na Nelly, geht’s los?“, drückte mich Grandpa noch einmal. Wir erzählten noch mal, was uns alles auf dem Festival erwarten würde und dabei bekamen sie dann wie immer diesen glasigen nach innen gekehrten Blick, als wenn sie gerade etwas genommen hätten und einem leise dröhnenden Drumsolo nachhören würden, was ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen kann ...


© Bernar LeSton in Rüsselsheim, den 05. August 2010

Kommentare:

  1. Ich denke, Leute, die Kinder im passenden Alter haben, können die Besorgnis von Nel's Mutter gut nachvollziehen. Das hast du in der Geschichte sehr gut rübergebracht.
    Bei dem mittleren Teil wurde mir schnell klar, dass du über Woodstock sprichst.
    Und die Großeltern? Wie gut, dass es, wenn auch manchmal nur in Geschichten, Menschen gibt, die sich daran erinnern, was sie selbst in ihrer Jugend so alles gemacht haben.
    LG
    Christine

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    1. Danke und sehr lieb von dir.


      Viele liebe Grüße

      Bernar

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